Der Rhein-Hunsrück-Kreis: Referenzregion für Klimaschutz und innovative Energiekonzepte

 

Kommunendaten
Projektdaten
Kontakt

Gemeinsam mit der Politik beschreitet der Rhein-Hunsrück-Kreis seit mehr als zehn Jahren erfolgreich den Weg, eine „Referenzregion für Klimaschutz und innovative Energiekonzepte“ zu werden.

Energiesteckbrief, © Rhein-Hunsrück-Kreis

Energiesteckbrief,
© Rhein-Hunsrück-Kreis
Detailansicht

Der Rhein-Hunsrück-Kreis setzt sich bereits seit mehr als zehn Jahren aktiv dafür ein, sich zu einer „Referenzregion für Klimaschutz und innovative Energiekonzepte“ zu entwickeln. Hierzu vereint der Kreis unter einem strategischen Dach klimapolitische Ziele und verfolgt diese mit der Umsetzung eigener Projekte, um Energieverbräuche zu erfassen, zu reduzieren sowie den verbleibenden Energiebedarf verstärkt durch den Einsatz erneuerbarer Energien zu decken.

Ein systematisches Energiecontrolling erfolgt bereits seit 1999 gemeinsam mit der RWE für sämtliche Schul- und Verwaltungsgebäude des Kreises. Seit 2007 ist das Energiecontrolling weiterentwickelt worden. Die Hausmeister verfügen über einen tagesaktuellen Online-Zugriff auf die Verbräuche sowie auf die Heizkreissteuerungen der kreiseigenen Gebäude.

Weiterer Kernpunkt der kreiseigenen Strategie ist die Energieeinsparung durch nachhaltige Bauweisen. So plant der Kreis seit 2003 seine Baumaßnahmen im 3-Liter-Haus-Standard und setzte seine Planung hierzu in einem Schulzentrum sowie zwei Schulen mit Erfolg um. Zudem plant und baut der Kreis seit 2009 sämtliche Erweiterungs- und Sanierungsmaßnahmen an seinen Schulen im Passivhausstandard, unter Berücksichtigung einer kontrollierten Be- und Entlüftung der Klassenräume mit Wärmerückgewinnung. Soweit dies technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, wird sogar darüber hinaus gegangen und eine Energiegewinn-Bauweise ausgeführt. So geschehen in einem Verwaltungsgebäude der Rhein-Hunsrück Entsorgung, welches durch eine Vielzahl intelligenter technischer Maßnahmen mehr Energie erzeugt, als für die Gebäudebeheizung notwendig ist.

Das Energiecontrolling sowie die baubedingte Energieeinsparung wird vervollständigt durch den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien. Hierzu beschloss der Kreistag in 2002, seine Liegenschaften auf ihre Einsatzmöglichkeiten zur Warmwasser- und Stromgewinnung sowie anderer CO2-neutraler Heizungsanlagen zu prüfen. In der Folge wurden Solarthermieanlagen zur Brauchwassererwärmung installiert, Dachflächen für Photovoltaikanlagen vermietet, eine Schule an das lokale Biomasse-Nahwärmenetz angeschlossen sowie Heizungsumrüstungen dahingehend durchgeführt, dass Pellets sowie Holzhackschnitzel als Brennstoff dienen. Basis der Brennstoffversorgung ist ein langjähriger Liefervertrag mit dem örtlichen Forstamt. Dies stellt kurze Transportwege und eine Steigerung der lokalen Wertschöpfung in der Region sicher.

Die Erfahrungen dieser Kooperation erwiesen sich als sehr gut. Jedoch lässt sich der Holzhackschnitzelbedarf für weitere Nahwärmenetze in größerem Maßstab nicht problemlos bewerkstelligen. Daher wurde ein Konzept entwickelt, welches öffentlich-rechtlich verfügbare Abfallströme unter Ergänzung landwirtschaftlicher Abfälle vorsieht. Der erste auf diesem Stoffstrommanagementkonzept basierende Nahwärmeverbund wurde im Jahr 2010 in Simmern erfolgreich in Betrieb genommen. Erfolgreiche Ideen verbreiten sich schnell. Mittlerweile wurden zwei weitere Nahwärmeverbünde in Kirchberg und Emmelshausen errichtet. Innerhalb von zwei Jahren werden nun insgesamt 33 öffentliche Gebäude mit der eigenen, marktunabhängigen Energiequelle Baum- und Strauchschnitt beheizt.

In Bezug auf den verstärkten Einsatz Erneuerbarer Energien wurde im Januar 2010 das Modellprojekt „1.000 Dächer Fotovoltaik“ gemeinsam mit den vier Volks- und Raiffeisenbanken im Kreisgebiet ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang wurden kreisweit die Solarpotenziale mittels eines objektbezogenen Solarkatasters ermittelt und stehen nun der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Ergänzt werden die Strategien und Maßnahmen zum Energiecontrolling, der baubedingten Verbrauchsreduzierung sowie dem verstärkten Einsatz der Erneuerbaren Energien durch das im Dezember 2006 beschlossene kreisweite Energiekonzept. Dieses zeigt die energetischen Potenziale des Landkreises und stellt diese zusammenfassend in einem fortlaufenden Energiesteckbrief dar.

Im Jahr 2010 beauftragte der Landkreis das Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) am Umwelt-Campus Birkenfeld mit der Erstellung eines integrierten Klimaschutzkonzeptes. Der Kreistag hat in seiner Sitzung am 12.12.2011 dieses Konzept abschließend einstimmig beschlossen. Das vom Bund mit 60% Zuschuss geförderte Konzept wurde nach 11-monatiger Projektlaufzeit fertig gestellt und umfasst folgende Inhalte:

Erstellung einer Energie- und Schadstoff-Startbilanz
Die Gesamtenergieverbräuche und die hiermit verbundenen Treibhausemissionen in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Abfall der rund 101.000 Bürger im Landkreis wurden anhand der zusammengetragenen Daten bilanziert. Fazit: seit 1990 wurde der CO2-Ausstoß bereits um 35% gesenkt. Ursache hierfür ist im Wesentlichen der starke Zuwachs der erneuerbaren Stromerzeugung im Kreisgebiet, aber auch im Wärmebereich konnte der Ausstoß bereits um 20% gesenkt werden. Der aktuelle Gesamtenergieverbrauch (in den Bereichen Strom, Wärme, Mobilität, Abfall) entspricht umgerechnet einer jährlichen Heizölmenge von 250 Millionen Litern. Hierbei werden ca. 573 Tausend Tonnen CO2emittiert.

Ermittlung der Einspar- und erneuerbare Energiepotentiale bis zum Jahr 2050
Die lokalen Potentiale aus Biomasse, Sonneneinstrahlung, Windkraft, Geothermie und Wasserkraft wurden detailliert untersucht und bewertet.
Fazit: Die derzeitige Nutzung der Erneuerbaren Energien ist bereits heute europaweit vorbildlich. So wird im Landkreis seit der Jahresmitte 2012 mehr Strom erzeugt als verbraucht. Unter Berücksichtigung von konservativen Ausbauszenarien werden im Jahr 2020 ca. 507% und im Jahr 2050 ca. 828% des Stromverbrauchs regenerativ erzeugt. Der Kreis entwickelt sich zum Stromlieferanten für die umliegenden Ballungsräume Neuwieder Becken, Mainz und Trier. Im Jahr 2011 gab es bereits 2404 Photovoltaikanlagen. Diese erzeugten 9% des Stromverbrauchs. Obwohl dies bereits doppelt so hoch wie der Bundesdurchschnitt ist, existiert langfristig noch ein riesiges Zuwachspotential. Wie das kreisweite Solarkataster zeigt, könnte bis zum Jahr 2050 annähernd der Gesamtstromverbrauch des Landkreises  mit Photovoltaikanlagen auf den Dachflächen gedeckt werden, die als geeignet eingestuft wurden. Vor allem in den Bereichen Wärme und Verkehr könnten bis 2050 die Energieverbräuche um bis zu 50% gesenkt werden. Hierdurch könnten fossile Energieträger mit einem Brennwert in Höhe von jährlich 210 Millionen Liter Heizöl verdrängt werden. Der CO2-Ausstoß könnte um 95% in ein rechnerisches Guthaben von 32.209 Tausend Tonnen umgewandelt werden. Auf Grund des gewaltigen Grünstromüberschusses wird das Ziel bilanzieller „Null-Emissions-Landkreis“ in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Abfall bereits ab 2020 erreicht werden, was bundesweit nur selten der Fall sein dürfte.

Um seiner Vorbildfunktion gerecht zu werden, hat der Landkreis mit seinen Schulgebäuden sich bereits 1999 auf den Weg gemacht. Hierbei wird der Heizenergiebedarf durch Sanierungen bis zu 90% gesenkt und die Energieversorgung Zug um Zug auf erneuerbare Energien umgerüstet.

Akteursmanagement
Insgesamt wurden 9 Akteursworkshops zu den unterschiedlichen Handlungsfeldern Landwirtschaft, Industrie/Gewerbe/Handel/Dienstleistungen, Verwaltung, Bildungseinrichtungen, Bürger, soziale Einrichtungen und Bürgermeister veranstaltet. Hieran haben sich über 300 Mitbürger beteiligt. Ein Akteurskataster mit 250 Kontaktdaten steht für die zukünftige Netzwerkarbeit bereit.

Maßnahmenkatalog
Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, wurden insgesamt 92 Einzelmaßnahmen aufgelistet.
Diese Maßnahmenvorschläge wurden von den Workshopteilnehmern und dem IfaS erarbeitet und nach Themenbereichen katalogisiert.

Klimaschutzmanager
Der Maßnahmenkatalog bildet das Arbeitspaket des Klimaschutzmanagers. Diese vom Bund zu ca. 65% bezuschusste Stelle wurde zum 01.09.2012 bei der Kreisverwaltung befristet auf 3 Jahre geschaffen. Die Bewilligung durch den Bund erfolgte am 25.06.2012. Der Landkreis sieht seine Aufgabe hierbei in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung, Aktivierung und Mobilisierung von Bürgern, Unternehmen und Multiplikatoren. Wie bereits in der Vergangenheit soll hierbei die Umsetzung und Bewerbung von konkreten Projekten oberstes Ziel sein. Die konstruktive, unkomplizierte und ergebnisorientierte Arbeitsweise zahlreicher Akteure im Landkreis, welche die Basis der bisherigen Erfolge bildet, soll dabei systematisch fortgesetzt werden.

Wirtschaftliches Potential
Derzeit fließen aus dem Landkreis jährlich 293 Millionen € für Energieimporte ab. Bis zum Jahr 2050 könnten die Importkosten auf rund 35 Millionen € gesenkt werden. Folglich sollen bis zu 258 Millionen € jährliche Energieimportkosten regional gebunden werden. Ziel ist es, durch Energieeffizienz und Erneuerbare Energien die Energieimportkosten in regionale Arbeitsplätze und Wertschöpfung umzuwandeln. Das IfaS beziffert die mögliche kumulierte Wertschöpfung bis 2050 auf 14,6 Milliarden €.

Das Klimaschutzkonzept dient somit nicht nur der Umwelt, sondern, quasi als positiver Nebeneffekt, in erster Linie der Wirtschaftsförderung.

Durch das Energiecontrolling der kreiseigenen Schul- und Verwaltungsgebäude ergab sich bis 2009 eine 25 %ige Reduzierung beim Heizenergieverbrauch, eine 28%ige Reduzierung beim Wasserverbrauch sowie eine nur 5%ige Steigerung des Stromverbrauchs, letzteres trotz Verdopplung der PC´s, Einführung klimatisierter Server, Einführung der Mittagsverpflegung und des Ganztagsschulbetriebes. Ohne Energiecontrolling wäre der Stromverbrauch um ca. 30% gestiegen. Durch das Controlling wurden in den Jahren 1999-2010 insgesamt 7.476 Tonnen CO2-Emissionen und 1,5 Million Euro Energiebezugskosten vermindert. Das Energiecontrolling öffentlicher Gebäude im Rhein-Hunsrück-Kreis wurde im September 2012 mit dem Label „Good Practice Energieeffizienz“ der Deutschen Energie-Agentur (dena) in der Kategorie „Managementsysteme“ ausgezeichnet.

Durch die thermische Baum- und Strauchschnittnutzung wird für die Beheizung der 33 angeschlossenen Gebäude ein Heizöläquivalent von 660.500 Liter im Jahr eingespart.

Die Planungen des Kreises sowie die erfolgreiche Umsetzung optimierter Bauweisen im 3-Liter-Haus-Standard, im Passivhausstandard oder bestenfalls in Energieplus-Bauweise, führten im Fall der Berufsbildenden Schule Boppard zu einer Reduzierung des Heizenergieverbrauchs von rund 93%. Darüber hinaus brachten die innovativen Baumaßnahmen an den Kreisgebäuden dem Kreis eine Auszeichnung mit dem Energie-Plus-Gütesiegel der „Energieoffensive Rheinland-Pfalz (EOR)“ sowie eine Auszeichnung mit dem RWE Energie Effizienz-Preis ein. Die langjährigen, systematischen Aktivitäten zur Steigerung der Energieeffizienz und der Erneuerbaren Energien im Rhein-Hunsrück-Kreis wurden von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien e.V. EUROSOLAR mit dem Europäischen Solarpreis 2011 in der Kategorie „Städte/Gemeinden, Landkreise und Stadtwerke“ ausgezeichnet.

Logo eea

Projektstand 2012

© Bundesgeschäftsstelle European Energy Award