Stadt Willebadessen – Der Weg zur Bioenergie-Kommune

 
Selbsteinschätzung der Kommune

Kommunendaten
Projektdaten
Kontakt

Im Januar 2017 wurde Willebadessen als eine von drei Gewinner-Kommunen eines bundesweiten Wettbewerbs des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) als „Bioenergie-Kommune“ ausgezeichnet. Nachdem das Bundeslandwirtschaftsministerium in der Vergangenheit bereits mehrere Auszeichnungen an „Bioenergie-Dörfer“ vergeben hatte, wurde der Wettbewerb 2016 erstmals als „Wettbewerb Bioenergie-Kommunen“ ausgeschrieben, um gezielt auch größere Städte und Gemeinden in ländlichen Regionen anzusprechen. Der Weg der Stadt Willebadessen bis zur Anerkennung der Bemühungen aller Beteiligten um eine nachhaltige Energieversorgung, insbesondere der öffentlichen Gebäude, soll hier dargestellt werden.

Die Stadt Willebadessen hat rund 8.200 Einwohnerinnen und Einwohner und liegt im stark ländlich geprägten südwestlichen Teil des Kreises Höxter in Nordrhein-Westfalen. Die Flächengemeinde mit insgesamt 13 Stadtteilen ist wirtschaftlich überwiegend vom Agrarsektor beeinflusst.

Der Klimaschutz, v.a. durch die Nutzung regenerativer Energien, hat in Willebadessen eine lange Tradition und gilt als eines der wichtigsten kommunalen Ziele. Die ersten Windkraftanlagen entstanden im Jahr 1994, anschließend wurde die eigene Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien sukzessiv ausgebaut: Neben unzähligen privaten Photovoltaikanlagen kam im Jahr 2001 die erste kommunale Anlage hinzu, 2005 wurde die erste Biogasanlage errichtet und bis heute sind noch einige dazugekommen.

Der lange Weg Willebadessens – von den ersten Bemühungen zur Nutzung Erneuerbarer Energien bis hin zur Auszeichnung als „Bioenergie-Kommune“ – war gezeichnet von einer stetigen Auseinandersetzung aller beteiligten Akteure mit den Möglichkeiten eines breit gefächerten Einsatzes von Anlagen zur regenerativen Energieerzeugung. In Willebadessen kann man daher von einer aktiven gemeinsamen Gestaltung der Energiewende sprechen: Bürgerinnen und Bürger, Stadt- und Kreisverwaltung, die kommunale Politik und weitere wichtige Akteure, wie die Landwirtschaft, lokale Unternehmen und Gewerbetreibende ziehen hier an einem Strang und bringen die Stadt im Klimaschutz voran.

Angesichts stetig steigender Energiekosten in den kommunalen Liegenschaften befasste sich die Stadtverwaltung in Willebadessen bereits im Jahr 2006 mit Möglichkeiten eines effizienteren Energieeinsatzes zur Wärmebereitstellung. Ein erster Ansatz dazu, war die Überprüfung und Optimierung der Heizungstechnik in städtischen Gebäuden. Dabei war die Wirtschaftlichkeit das wichtigste Kriterium. Hier zeigten sich schon bald erste signifikante Erfolge: Die verbesserte Einstellung der vorhandenen Heizungssysteme und –steuerung sowie die Durchführung energetischer Sanierungen (Teilerneuerung Fenster, Fassadendämmung durch Wärmedämmverbundsystem), die sukzessive im Rahmen der finanziellen Leistungsfähigkeit der Kommune durchgeführt wurden, konnte der jährliche Gasverbrauch zur Wärmebereitung innerhalb eines Jahres für die betreffenden Liegenschaften um insgesamt rund 42 Prozent gesenkt werden.

Trotz der ersten Erfolge durch die beschriebenen Maßnahmen sah man in Willebadessen noch weitere große Potenziale, v.a. beim größten „Energieverbraucher“ der Kommune, dem Schul- und Sportzentrum Peckelsheim. Dieser Bildungs- und Freizeitkomplex umfasst drei Schulgebäude, zwei Turnhallen sowie ein Hallenbad. Vor dem Hintergrund steigender Energiepreise und eines absehbaren Erneuerungsbedarfs bei insgesamt vier Heizkesseln des Schul- und Sportzentrums, entschloss sich die Stadtverwaltung im Frühjahr 2006 neben einem konventionellen Konzept auf der Basis fossiler Energien (in Eigenregie) auch zwei Lösungsmöglichkeiten einer alternativen Wärmeversorgung auf Basis regenerativer Energien einzuholen.

Hierzu wird verwiesen auf das ebenfalls unter diesem Portal einsehbare Projekt „Wärmeversorgung aus Biogas für die städtischen Immobilien im Stadtteil Peckelsheim“. Über dieses Projekt hinaus konnten bis heute weitere Liegenschaften der Stadt Willebadessen im Ortsteil Peckelsheim an die Fernwärmeleitung einer Biogasanlage angeschlossen werden. Dazu gehört die Unterkunft für asylsuchende Menschen, eine weitere städtische Sporthalle, das Rathaus mit Arztpraxis und das Familienzentrum (eine Kindertageseinrichtung mit 100 Betreuungsplätzen).

In der Summe wird in den genannten Gebäuden, die zum Großteil mit klimaneutralem Biogas versorgt werden, rund 90 Prozent fossiler Brennstoff eingespart. Seit 2014 darf sich der Stadtteil Peckelsheim offiziell „Bioenergie-Dorf“ nennen. Die beschriebenen Aktivitäten der Stadt Willebadessen ermöglichen einen innovativen Blickwinkel auf die vor Ort möglichen Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen. Die Wende hin zur verstärkten Nutzung erneuerbarer Energien – und Bioenergie im Speziellen – wird in Willebadessen jedoch nicht von oben „diktiert“. Vielmehr spielt die ausgeprägte Eigeninitiative der Bürgerinnen und Bürger, der Gewerbetreibenden und der Landwirtschaft in der Entwicklung hin zur Bioenergie-Kommune eine entscheidende Rolle. Von den rund 3.200 Haushalten in Willebadessen hat heute fast jede Bürgerin und jeder Bürger in irgendeiner Form Berührungspunkte mit erneuerbaren Energien.

Dieses bürgerschaftliche und unternehmerische Engagement bildet daher das Fundament der Energiewende im Ort: So finanzierten mehrere Betriebe und private Haushalte gemeinsame Nahwärmenetze. Hier haben sich im Wesentlichen Nachbarn einer Wohnsiedlung zusammengeschlossen und einen fach- und sachkundigen Koordinator (mit einschlägigem beruflichem Hintergrund) aus eigenen Reihen mit der Durchführung beauftragt. Hier wird die mittels einer Holzhackschnitzelheizung erzeugte Wärme über Wärmeleitungen in die Gebäude verteilt. Diese besonders effiziente Variante kann in den Ortskernen ländlich strukturierter Räume immer dann gelingen, wenn die Bebauung dicht und die Zahl der Wärme abnehmenden Haushalte groß genug ist, so dass der Umfang der Leitungsverluste in einem vertretbaren Rahmen gehalten werden kann. Durch die Nahwärmenetze haben sich neue soziale Gemeinschaften gebildet, die mit ihrer gemeinsamen Wärmeinfrastruktur nicht nur die Wohnsubstanz erhalten und in ihrem Wert steigern, sondern auch eine nachhaltige Energieversorgung für die folgenden Generationen sichern.

Als maßgeblicher Partnerbetrieb aller Bemühungen zur Energiekostensenkung sorgt der Biomassehof im Stadtteil Borlinghausen mit seinen Fortbildungsangeboten für Jedermann zu Themenbereichen der Energieeinsparung dafür, dass sich die Menschen vor Ort das nötige Fachwissen in Energiefragen aneignen können. Durch die eingehenden Erfahrungen im Bereich der Bioenergie konnte der Biomassehof Borlinghausen viele der Bürgerwärmenetze in Willebadessen direkt bei der Umsetzung begleiten.

Der Biomassehof Borlinghausen wurde 2006 vom Betriebshilfsdienst & Maschinenring Höxter-Warburg e.V. als Tochtergesellschaft gegründet. Knapp 1.000 landwirtschaftliche Mitgliedsbetriebe unterstützten die Idee, auf dem Gelände einer alten Industriebrache den Hof zu errichten. Seitdem werden am Standort des Biomassehofes holzige Reststoffe aus dem Naturraum Höxter zu einem hochwertigen Regionalbrennstoff veredelt. Das natürliche Brennmaterial stammt aus der Landschafts-, Straßen- und Waldrandpflege, aus Sägewerksresthölzern sowie aus privater Strauchschnittsammlung und steht damit außerhalb der Konkurrenz zur stofflichen Holznutzung.

Von den Aktivitäten der Stadt Willebadessen im Bereich der Bioenergie profitiert nicht zuletzt auch die Kommune und ihre Umgebung in Form einer steigenden regionalen Wertschöpfung: So ersetzt die Wärme aus Biogas und Holz umgerechnet fast drei Millionen Liter Heizöl pro Jahr. Die nachwachsenden Brennstoffe stammen der Region und werden vor Ort veredelt, sprich optimal getrocknet und schließlich vermarktet. Die Verlegung und Installation von notwendigen Leitungen und Anlagen werden von regionalen Handwerksbetrieben übernommen und sichern so Aufträge und damit Arbeitsplätze. Die benötigten Darlehen stellen vor allem zwei in Willebadessen beheimatete genossenschaftliche Banken bereit.

Die im Januar 2017 erhaltene Auszeichnung „Bioenergie-Kommune“ hat bundesweit Anerkennung gefunden und bietet eine gute Grundlage und den Ansporn, in den Anstrengungen nicht nachzulassen. Als weiteren Meilenstein hat die Stadt Willebadessen gemeinsam mit der benachbarten Orgelstadt Borgentreich in interkommunaler Zusammenarbeit ein Klimaschutzkonzept, gefördert über die Nationale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums, erarbeitet. Gemeinsam mit dem Beratungsbüro Energielenker, Greven, wurden weitere Ziele zur Verringerung des CO2-Ausstoßes sowie des Endenergiebedarfs für die beiden Kommunen erarbeitet und festgelegt: Im ersten Schritt sollen (bezogen auf das Jahr 2014) 45 Prozent CO2-Emmissionen bis 2030 im Stadtgebiet reduziert und der gesamte Endenergiebedarf um 20 Prozent gesenkt werden.

Durch die Zusammenarbeit lokaler Akteurinnen und Akteure der beiden Städte lassen sich nachhaltige Projektansätze schaffen sowie Multiplikatoren- und Synergieeffekte nutzen. Eine langfristige Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern und eine selbstständige Energieversorgung können nur mit einer gleichzeitigen, möglichst weitreichenden Vermeidung des Energieverbrauches erreicht werden.

Enormes CO2-Einsparpotential liegt im Bereich der Gebäudesanierung: Mangelnder Wärmeschutz im Gebäudebestand sowie fehlendes Wissen beim energieeffizienten Heizen und Lüften führen zu überflüssigem Energieverbrauch, der sowohl das Klimas als auch den Geldbeutel belastet. Über zwei Drittel des Gebäudebestandes in Willebadessen wurde noch vor der ersten Wärmeschutzverordnung errichtet. Rund 26 Prozent der gesamten Endenergie wird für den Wärmebedarf von Wohngebäuden in Willebadessen benötigt. Bei einer jährlichen Sanierungsquote von 2,5 Prozent wären Einsparungen im Endenergiebedarf von 18 Prozent bis 2030 möglich. Neben umfangreichen energetischen Sanierungsarbeiten an den kommunalen Liegenschaften und einem Strom-Spar-Wettbewerb unter den Grundschulen hat die Stadt Willebadessen bereits viele Anstrengungen im Bereich des Einsatzes energiesparender Technologien unternommen und geht ein Stück weit mit „gutem Beispiel voran“. Dieser Ansatz soll zukünftig weiter ausgebaut werden.

Dies gilt auch für den Bereich der Straßenbeleuchtung. Im Stadtgebiet Willebadessen sind in 13 Ortschaften rund 1.100 Straßenlampen installiert, von denen bisher bereits 35 Prozent auf LED-Technik umgerüstet wurden. Danach hat sich der Stromverbrauch für die Straßenbeleuchtung im Jahr 2013, im Vergleich zum Jahr 2010, um rund 27 Prozent reduziert. Auch in Zukunft sollen die bestehenden Straßenlampen – soweit nicht bereits anderweitig energiesparend umgerüstet – sukzessive gegen neue LED-Lampen getauscht werden.

Darüber hinaus wird anhand einer Prioritätenliste die Innenbeleuchtung der städtischen Liegenschaften auf den Prüfstand gestellt und gegen intelligente, energiesparende Lösungen ausgetauscht. Sowohl innerhalb des Stadtgebietes als auch verwaltungsintern sind noch zahlreiche Projekte absehbar, die Schritt für Schritt ein Erreichen der mit dem Klimaschutzkonzept gesteckten Ziele ermöglichen können und sollen. So wurden im Zuge der aktuellen Aufstellung eines „Integrierten kommunalen Entwicklungskonzeptes“ – wiederum in interkommunaler Kooperation mit der Nachbarstadt Borgentreich – zahlreiche Ideen aus der Bürgerschaft und von weiteren regionalen Akteurinnen und Akteuren entwickelt, die sich insbesondere auch mit dem Thema einer klimafreundlichen Mobilität in ländlichen Räumen auseinandersetzen, z.B. Car Sharing auf dem Land, „Mitfahr-Bänke“ etc. Diese Ideen gilt es in der Zukunft durch die Stadtverwaltung zu begleiten und zur Umsetzung zu bringen.

An diesem Projekt zeigen sich folgende Punkte sehr deutlich:

  • Allein durch intelligente Steuerung lassen sich die Energieverbräuche großer kommunaler Liegenschaften deutlich verringern.
  • Gemeinsam mit den lokalen Akteuren vor Ort können auch in einer ländlichen, kleinen Stadt große Anstrengungen für eine alternative Energieversorgung zu einem überregional wahrgenommenen Erfolg führen.

Sämtliche Optimierungs- und Umstellungsmaßnahmen für die alternative Wärmeversorgung erfolgten ohne jegliche Fördermittel, somit ausschließlich aus kommunalen Mitteln.

Fazit
An all diesen bereits angestoßenen und in Teilen auch schon umgesetzten Projekten sowie den zukünftigen Vorhaben auf privater, gewerblicher und kommunaler Ebene zeigt sich eines ganz deutlich: Der Klimaschutz bietet auch – oder vielleicht gerade – im ländlichen und damit sehr überschaubaren Raum vielfältige Chancen, Entwicklungen zum Nutzen aller voranzubringen und damit den Weg zu einer klimafreundlichen Kommune mitzugestalten. Das Beispiel Willebadessen zeigt, dass sich auch „größere Gemeinden“ im ländlichen Raum bereits heute weitestgehend mit Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien, insbesondere aus regionaler Biomasse versorgen können:

Heute kann man in Willebadessen mit der überschüssigen Wärme von insgesamt sechs Biogasanlagen, mit einer elektrischen Gesamtleistung von 3,3 Megawatt, rund 1,5 Millionen Liter Heizöl ersetzen. Dazu kommen mehrere Heizwerke auf Basis von Holzhackschnitzeln, 183 Holzzentralheizungen für Pellets, Hackschnitzel und Scheitholz sowie etwa 2.000 kleinere Holzöfen. Außerdem werden insgesamt 616 Photovoltaik- und viele Solarthermie-Anlagen betrieben, die oft in Systemkombination mit Holzheizkesseln arbeiten.

Für die kommenden zehn Jahre hat man sich in Willebadessen vorgenommen, den Wärmebedarf zu mindestens 80 Prozent regenerativ zu erzeugen. Bei der Stromerzeugung ist man bereits einen Schritt weiter: Mehr als 300 % des benötigten Strombedarfs werden in Willebadessen „grün“ produziert. Damit liegt man bei Weitem über dem eigenen Stromverbrauch. Der Überschuss wird in das öffentliche Netz eingespeist.

Logo eea

Projektstand 2018.08

© Bundesgeschäftsstelle European Energy Award